Geschichte

Geschichte der Gemeinde Rietheim

von Hans Jörg Rudolf, Buttwil

Rietheim erstmals erwähnt

Am Stephanstag des Jahres 1239 besiegelten Graf Heinrich von Küssaberg und Lütold der ältere von Regensberg im Klosterkapitel des Schwarzwaldkonvents St. Blasien eine Urkunde, nach welcher Abt Heinrich einen Ritter Gerung, genannt Strubel, mit einem Gute in Lauchringen belehnt. Als Zeuge dieses Handels weilte an jenem 26. Dezember auch ,,Cuonradus de Riethein" im Kloster. Mit seinem Namen tritt die Gemeinde Rietheim zum ersten Mal aus dem Dunkel der Jahrhunderte ins Licht der Geschichte. Über ihre Entstehung können wir nur Vermutungen anstellen, da sie, wie bei den meisten dörflichen Siedlungen, ins Frühmittelalter zurückreichen dürfte.

Steinzeit

Bodenfunde bezeugen, dass die Gegend des heutigen Kantons Aargau schon in prähistorischer Zeit besiedelt war. Zwar hat man im Bezirk Zurzach bisher keine Zeugen der Alt- und Mittelsteinzeit entdeckt, dafür beweisen Funde aus der Jungsteinzeit, der Bronze- und Eisenzeit die lange Siedlungsgeschichte der Gegend.

Keltische und Römische Zeit

In keltischer Zeit ist Zurzach als Siedlungsraum von zentraler Bedeutung. Es scheint eine der zwölf Städte gewesen zu sein, die die Helvetier bei der Auswanderung nach Gallien, 58 v. Chr., zerstört und nach der Niederlage gegen Julius Cäsar bei Bibracte wiedererrichtet haben. Vom römischen Tenedo, vermutlich schon von den Kelten so genannt, zeugen die Ruinen der Kastellsiedlung auf dem Kirchlibuck. Sie gehörte dem von Kaiser Valentinian dem 1. (364 - 375) am Rhein errichteten Grenzsystem an, von dem auch Ruinen einer Warte unterhalb Rietheims, beim Koblenzer Laufen, zeugen.
In der Spätantike sind auch die Anfänge des christlichen Lebens der Gegend um Zurzach zu suchen. Über dem Grab der heiligen Verena, die in Zusammenhang mit dem Martyrium der thebäischen Legion in St. Maurice unter Kaiser Diokletian über Solothurn nach Zurzach gelangt war, entstand eine der bedeutendsten Kult- und Wallfahrtsstätten des Mittelalters. Mit der Taufkirche aus dem 5. Jahrhundert auf dem Kirchlibuck zeichnet sich die Vorläuferin der späteren Urpfarrei Zurzach ab, der alles Gebiet zwischen Rhein und Aare zugehörte.

Abzug der  Römer

Nachdem sich die römischen Truppen im Jahre 401 von der Rheinlinie über die Alpen zurückgezogen hatten, begann in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts und vor allem vom 6. Jahrhundert an die bäuerliche Siedlungstätigkeit der Alemannen, die als Heiden lange Zeit neben den christlichen Keltoromanen lebten, bevor sie sich allmählich mit ihnen zur frühmittelalterlichen Bevölkerung vermischten.

In der Völkerwanderungszeit sind wohl auch die Anfänge des Dorfes Rietheim zu suchen, denn die Gegend von Zurzach darf als Einwanderungspforte der siedelnden Alemannen ins Mittelland angesehen werden. Leider ist man hier aber auf Vermutungen angewiesen.

Mittelalter, Heilige Verena

In Zurzach ist in der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts ein Doppelkloster der Benediktiner bezeugt, wo die heilige Verena im Mittelpunkt der Verehrung stand. Kaiser Karl III. schenkte es 881 dem mächtigen Inselkloster Reichenau. Bis ins ausgehende 13. Jahrhundert hat dann Zurzach und damit, neben Mellikon und Rekingen, auch Rietheim an den Geschicken der Reichenau teilgenommen.

Rietheim im 13. Jahrhundert

Im 13. Jahrhundert taucht der Name Rietheim vor allem im Zusammenhang mit den Freien von Rietheim auf, einem Adelsgeschlecht, das im Dorf einen festen Sitz, einen Turm gehabt hat, dessen Ruinen nach Franz Xaver Bronner noch im 19. Jahrhundert zu erkennen gewesen sein sollen.

Am 27. Mai des Jahres 1265 verkauften Abt und Konvent des Klosters Reichenau die Vogtei, den Hof und die Kirche Zurzach dem Bischof von Konstanz. In den Kauf eingeschlossen waren die Dörfer Mellikon, Rekingen und Rietheim. In der Folge erweiterten die Bischöfe ihr Herrschaftsgebiet zwischen Rhein und Aare um die Ämter Klingnau und Kaiserstuhl. Die geistlichen Herren konnten die niedere Gerichtsbarkeit über den nördlichen Teil der Grafschaft Baden bis zur Revolution von 1798 behaupten.

Habsburgische Herrschaft

Die gräfliche Gewalt, die hohe Gerichtsbarkeit in der Grafschaft Baden, befand sich bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts im Besitz von Habsburg-Laufenburg, nachher von Habsburg-Österreich. Die Bischöfe verstanden es, ihre Rechte auf Kosten der Habsburger immer mehr auszubauen und konnten damals als die eigentlichen Herren des Amtes Zurzach, zu dem auch Rietheim gehörte, angesehen werden.

Eroberung durch Eidgenossen

Dies änderte sich, als die Eidgenossen 1415 im Namen des Reichs und auf Geheiss des deutschen Königs Sigismund, neben vielen anderen Gebieten, die Grafschaft Baden eroberten, um den auf dem Konzil von Konstanz geächteten Herzog Friedrich von Österreich zu bestrafen. Die drei Ämter des Bischofs von Konstanz, der sich ebenfalls gegen den geächteten Herzog ausgesprochen hatte, wurden von den Eidgenossen nicht besetzt. Aber sie waren jetzt im Besitz der gräflichen Gewalt und begannen ihre Herrschaft sofort systematisch auszubauen, bis sie auch am Rhein die wirkliche Landeshoheit erreichten.

Die Bischöfe von Konstanz besassen in Rietheim den Kehlhof, das heisst den Hof des sogenannten Kelners, ein stattliches, mit Treppengiebeln versehenes Gebäude. Dieser Kelner zog für die Grundherren die Steuern und Zinsen ein. Auch das Chorherrenstift Zurzach, welches im 13. Jahrhundert das Benediktinerkloster ablöste, besass ansehnlichen Besitz im Dorf.

Reformation

Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Reformation ganz Europa erschütterte, wurde auch die Grafschaft Baden mit den geistlichen Territorien am Rhein davon erfasst. Am 24. August 1529 erklärte sich die ganze Kirchgemeinde Zurzach, mit Ausnahme weniger, für die neue Lehre. Der Bildersturm wütete im Münster und in der Pfarrkirche, und die Chorherren mussten nach Klingnau, Waldshut und in die Dörfer des Klettgaus fliehen.

Erst die Schlacht bei Kappel, in der Zwingli fiel, brachte eine günstige Wendung für die Sache der Katholiken. Die Einwohner der Kirchgemeinde Zurzach teilten sich in die beiden Konfessionen, die Chorherren kehrten wieder ins Stift zurück. Bis zum Jahre 1712 stand auch den Reformierten die obere Kirche (Pfarrkirche) für ihre Gottesdienste zur Verfügung, ohne dass sie sich aber weder eines eigenen Schlüssels zur Simultankirche, noch des Grabgeläutes erfreuten. Der Landfriede von Aarau gab ihnen zu beidem das Recht. Trotzdem weigerte sich das Stift anfänglich zur Herausgabe des Schlüssels. Solche und ähnliche Vorkommnisse führten zu unerquicklichen Verhältnissen zwischen den beiden Konfessionen. 1724 baute die reformierte Kirchgemeinde schliesslich eine eigene Kirche.

Revolutions Zeit

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch Rietheim, das seit 1415 unauflöslich mit dem Schicksal der Eidgenossenschaft verbunden war, in die Wirrnisse und Drangsale der grossen Revolution hineingerissen.

Wie fast überall in der Landschaft des späteren Kantons Aargau, hatte man auch in den bischöflichen Ämtern für die Ideen der französischen Revolution wenig Verständnis. Gegenüber den seit 1712 regierenden Ständen Zürich, Bern und Glarus beobachtete man eine loyale Haltung und versicherte sie der Treue, als französische Heere die bernische Grenze überschritten. In der einen und unteilbaren helvetischen Repulik von Frankreichs Gnaden, die nach dem Fall Berns 1798 entstand, gehörte Rietheim zum neu geschaffenen Kanton Baden, der sich aus den gemeinen Herrschaften der freien Ämter und der Grafschaft Baden zusammensetzte.

Da die Schweiz damals Kriegsschauplatz der europäischen Heere war, hatte auch die Bevölkerung von Rietheim unsäglich unter den Wirren der Zeit zu leiden. Einquartierungen und Ausbeutung, Krieg und Raubgesindel verwüsteten das Land und bedrohten jede Ordnung.

In diesen Jahren wurde auch Kadelburg, das bisher zur Kirchgemeinde Zurzach gehört und unter dem Schutze der Eidgenossenschaft gestanden hatte, seinen linksrheinischen Nachbarn entfremdet, und es begann seinen Blick allmählich immer mehr gegen Norden zu wenden.

Napoleon, Kanton Aargau

Im Jahre 1803 machte der erste Konsul von Frankreich, der kleine Korse Napoleone Buonaparte, der in Paris zur Diktatur gelangt war, mit der Mediationsakte der helvetischen Republik, die den föderalistisch eingestellten Schweizern so wenig entsprach, ein Ende. Der weitaus grösste Teil des Kantons Baden und das Fricktal wurden damals, wenn auch widerstrebend, dem wirtschaftlich stärkeren Kanton Aargau angegliedert. Unser Kanton in seiner heutigen Form war geboren und Rietheim sollte fortan am Schicksal des jungen Staates teilnehmen.

Das 19. Jahrhundert brachte der Gemeinde durch Missernten und schlechte wirtschaftliche Bedingungen auch bittere Armut. Viele Leute waren gezwungen, die Heimat zu verlassen und in Amerika ihr Glück zu versuchen, was einigen wenigen auch gelang.

Wir hören in dieser Zeit von Streitigkeiten und Prozessen der Rietheimer Bauern mit dem Verenastift in Zurzach. Der Kulturkampf, der den Kanton Aargau besonders heftig erschütterte, machte dem Stift 1875 ein Ende. Seither benutzt die katholische Kirchgemeinde das Münster als Pfarrkirche. Altäre und Kanzel der oberen Kirche wurden nach Feusisberg SZ verkauft.

Bodensenkungen

Ein sehr unerfreuliches aber auch bedrohliches Kapitel in der jüngsten Geschichte der kleinen Gemeinde, die sich vom Bauerndorf zur Wohn- und Pendlergemeinde gewandelt hat, bilden sicher die Bodensenkungen durch unterirdische Salzgewinnung im Rietheimerfeld. Seit den frühen 60er-Jahren ist die Salzausbeutung eingestellt und die Senkungen sind glücklicherweise nur noch minimal.

Es bleibt zu wünschen, dass Rietheim, das sich durch die Jahrhunderte gegen jede Unbill der Geschichte behauptet hat, seinen Bewohnern für alle Zukunft eine liebenswerte Heimat bleibt.